Rausch des Vergessens
Der Kammermusikzyklus Rausch des Vergessens, wird aus sieben Stücken verschiedener Besetzung bestehen, darunter fünf mit Epilog für Klavier allein. Einige Teile wurden bereits gespielt, andere sind fast fertig, und der Rest ist noch in Arbeit.
Der Titel des Zyklus stammt von Hermann Brochs Tod des Vergil, worin der Dichter die Antlitze und Schädel der vorbeigehenden Menschen beschreibt, in liebevollem Detail, aber diese nicht mehr als Menschen erkennt. Ausser dem Titel haben die Werke jedoch weniger mit Broch zu tun als mit den Arbeiten von Gertrude Stein, der Philosophie von Nicolaus Cusanus und seinem Kreis, und den ästhetischen Überlegungen von Mathias Spahlinger. Jedes Stueck beschäftigt sich mit dem Prozess des Vergessens, und der Rolle die das Vergessen im Musikhören spielt -- indem in verschiedenen Stadien versucht wird, das Vergessene wieder einzuführen, und eingesehen wird, das es aufs Neue vergessen sein wird. Diese Haltung manifestiert sich auch im Kompositionsprozess: ich stelle musikalisches Material nach bestimmten Strukturprinzipien her, setze dann dieses "Rohmaterial" lange genug beiseite bis ich vergessen habe, wie es zustandegekommen ist. Damit bin ich gezwungen, das Resultat als fremden Gegenstand neu zu analysieren und mit anderen solchen Gegenständen in Bezug zu bringen.
Cusanus bestimmte, 600 Jahre vor Einstein, dass jeder beliebige Punkt im Universum als die Mitte genommen werden kann. Mit musikalischen Mitteln hoffe ich wenigstens eine flüchtige Einsicht in diese Tatsache zu ermöglichen, da der Rausch des Vergessens keine Permanenz kennt. Die Vision des Cusanus, nämlich ein völlig flüssiger Bezugsrahmen, ist ausschliesslich die Sphäre der Engel. Für uns als Menschen (erdgebunden, körpergebunden) verschwindet diese Idee immer wieder in der Trägheit von körperlich bestimmten Metaphern. Zwar gibt es einen Moment der "Befreiung" an dem Ort wo Vergessen und Erinnerung als Parallelwelten gesehen werden, aber dieser Moment ist bald genauso vergessen, und wir widmen uns wieder der Suche nach Wahrheit, wie Motten die um eine Laterne kreisen.
The 'Kernbesetzungen' des Zyklus sind:
zu eng für 12 Solostreicher (Erstfassung im August 2006 angefertigt)
zu sich für 6 Spieler (Klarinette, Horn, Posaune, Klavier, Violoncello, und Kontrabass (als Ausschnitt im Februar 2008 in Urbana, Illinois vorgestellt)
Alle anderen Stuecke werden aus diesen Kernen abgeleitet:
Fallschirm für Altposaune allein (UA 2004 mit Andrew Digby) Kennst Du das Land? für Bassklarinette, Violine, Violoncello, und Klavier ex cusa für Klarinette, Posaune, Violoncello, und Klavier (Ausschnitt durch das modern art sextett im Juni 2005 vorgestellt, erste Gesamtaufführung wird vom ensemble ascolta gegeben -- Datum wird noch bekanntgemacht) n-hop für Solo-Kontrabass, mit Violoncello, Horn und Altposaune. Schlafwandler für Posaune und 12 Streicher
... dazu fünf Epiloge fuer Solo-Klavier, Das Epilog zu Fallschirm, Rosy Derivative, wurde Februar 2006 von Sebastian Berweck uraufgeführt. Die Epiloge zu Kennst Du das Land? und n-hop nebst der Klavierpartie zu Kennst Du das Land? wurden Februar 2009 in halb-radierter, halb-ausgedehnter, zusammengefalteter Fassung in Urbana vorgestellt.
Zum Weiterlesen:
Flasch, Kurt: Nicolaus Cusanus: Geschichte einer Entwicklung (Klostermann, 1998) Dydo, Ulla: Gertrude Stein: The Language that Rises (Northwestern University Press, 2003)
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